DeuAq.com >> Leben >  >> Reisen

Pragulic: Obdachlose als Reiseleiter in Prag – Eine authentische Stadterfahrung

Seit 2012 vermittelt das soziale Unternehmen Pragulic aus Prag obdachlosen Menschen Jobs als Stadtführer. Mit wachsendem Erfolg führt Robert, seit 12 Jahren ohne festes Zuhause, Journalisten wie Andrew Day durch die verborgenen Ecken der tschechischen Metropole. Ist das bereichernder Tourismus oder grenzwertiger Voyeurismus?

Die Pragulic-Erfahrung

„Hier ist ein Nokia mit Notfallkontakten und dein Budget für 24 Stunden: 20 Kronen (ca. 70 Pence). Jetzt brauche ich nur noch deine Klamotten.“

An einem kalten Januarmorgen vor dem Prager Bahnhof übergebe ich meinen Parka und meine Hose an Tereza Jurečková, Mitgründerin von Pragulic. Im Gegenzug erhalte ich eine Plastiktüte mit einer beigen Shellsuit-Jacke mit klemmendem Reißverschluss und einer fleckigen Khaki-Hose. Ich ziehe mich schnell um und fühle mich sofort in eine andere Welt versetzt.

Diese schäbige Kleidung ist Kern der Pragulic-Erfahrung: „Obdachlosigkeit kann man nur verstehen, wenn man sie selbst erlebt“, heißt es auf der Website.

Neben Tereza steht mein Guide Robert Pochop, ein Mann in den Vierzigerjahren mit unbändiger Energie. In den nächsten 24 Stunden zeigt er mir seine Stammlokale und enthüllt eine unbekannte Seite Prags.

Wir verabschieden uns von Tereza und tauchen in den Trubel des Bahnhofs ein. Robert, der seine Verantwortung ernst nimmt, führt mich durch die Halle – doch bei einem Fahrkartenautomaten prüft er instinktiv den Münzschlitz. Mit diversen Zügen erreichen wir Smíchov, ein Viertel, das verfallene Fabriken und Synagogen mit modernen Einkaufszentren und Boutique-Restaurants kontrastiert.

„Da!“, sagt Robert und deutet auf die ČKD Tatra-Fabrik, die in den 1940er-Jahren Straßenbahnen für Stalins Partei baute. Seine Leidenschaft für die Eisenbahn öffnet Türen zur tschechischen Geschichte und Kultur.

Weiter geht’s vorbei an der Staropramen-Brauerei zur Heilsarmee, wo Robert arbeitet. Dort schleppen wir Kartonpyramiden für den Umzug des Büros – kryptische Anweisungen inklusive.

Robert ist einer von neun Guides bei Pragulic. Sie verdienen eine Fixgebühr pro Tour plus Trinkgeld, der Rest fließt in Betriebskosten. „Es geht um mehr als Jobs“, erklärt Tereza: „Wir bieten Englischkurse und Selbstvertrauens-Training.“

Über tschechische Politik erreichen wir den Cibulka-Park mit barocken Statuen. Am Aussichtsturm aus den 1840ern erfahre ich, dass wir im ehemaligen Wohnhaus seines Vaters nächtigen – bald zum Verkauf steht. „Wohin dann?“, frage ich. „Wer weiß“, weicht er aus.

Sein chaotischer Unterschlupf quillt über von Habseligkeiten. Um 22 Uhr räume ich Flaschen und Zeitungen weg und versuche zu schlafen.

Frühmorgens mit der ersten Straßenbahn ins 5. Bezirk: Villen und Luxuswohnungen im Kontrast. Hier liefert Robert Zeitungen – sein Nebenverdienst. Offen berichtet er von seinem Abstieg: Nach dem Hausverkauf 2006 durch den Onkel landete er auf der Straße. „Er heiratete eine Frau, die mich hasste“, sagt er beim Öffnen eines vereisten Briefkastens.

Nach 24 Stunden und leerer Tasche holen wir meine Sachen am Bahnhof ab und verabschieden uns.

Kritiker sehen Voyeurismus statt Tourismus. Doch die Guides entscheiden selbst. Robert: „Diese Arbeit hat mein Leben gerettet – ich bin unendlich dankbar.“

Jenseits von Prag: Obdachlose Tourguides in anderen Städten

Außerhalb Prags gibt es ähnliche Projekte für authentische Einblicke. Hier vier Highlights:

1. Shades Tours, Wien

Seit 2015 verändert Shades Tours den Blick auf Wien und bricht Stigmata. Gründerin Perrine Schober: „Niemand denkt danach gleich über Obdachlosigkeit.“ Zweistündige Touren (Englisch/Deutsch) durch Suppenküchen und Unterkünfte erklären das Sozialsystem und Nuancen der Armut.

2. Mission Los Angeles, Los Angeles

Im Herzen von Skid Row erleben Gruppen (10–25 Personen) „24 Stunden Obdachlosigkeit“. Direktor Ivan Klassen vermittelt sichere Einblicke; Teilnehmer helfen in Anlaufstellen mit.

3. Touren durch versteckte Städte, Barcelona

Hidden City Tours mit Ex-Obdachlosen zeigt Gotik und Raval – inklusive persönlicher Geschichten zu Alltagsherausforderungen. Guides sprechen Englisch, Französisch, Deutsch u. a.; fester Lohn plus 100 % Trinkgeld. Im Voraus anmelden.

4. Ungesehene Touren, London

Unseen Tours decken Brick Lane, Camden u. a. ab – Themen wie Street Art und soziale Ungerechtigkeit. Von (ex-)Obdachlosen geleitet, bieten sie Jobs und dauern zwei Stunden. Hunde willkommen.