Seit 140 Jahren bringt der Caledonian Sleeper Passagiere spätabends aus London bis Sonnenaufgang nach Schottland. Der erfahrene Reiseautor Ben Lerwill entdeckt: Die Romantik des Bahnreisens lebt auf dieser ikonischen Strecke weiter.
Es ist 23 Uhr in der britischen Hauptstadt. Die London Euston Station wirkt zu keiner Zeit einladend, doch nachts erst recht nicht: Geschlossene Geschäfte, verstaubte Pendler und eine zerzauste Schlange vor dem Burger King. Kaum ein Anreiz für die Sinne.
Doch auf Gleis 1 wartet das echte Abenteuer. Unter den Nachtzügen wie dem 23:34 Uhr nach Northampton oder dem 23:47 Uhr nach Watford Junction sticht einer heraus – der Caledonian Sleeper mit Abfahrt um 23:50 Uhr.
Bordsteigen, im Salonwagen Platz nehmen und die Single Malts studieren: Zwischen England und Schottland verkehren seit über 140 Jahren Nachtzüge. Die aktuelle Caledonian Sleeper hat Bedrohungen überstanden und profitiert von 150 Millionen Pfund Investitionen, die bereits zu einer umfassenden Modernisierung geführt haben. Bis 2018 soll eine neue Flotte folgen.
Ich fahre nach Edinburgh, Ankunft um 7:22 Uhr – der Zug geht weiter nach Glasgow und Carstairs. Der schottische Verkehrsminister hofft, der Sleeper werde selbst zur Touristenattraktion und zum Symbol für das Beste Schottlands.
Das ist allemal reizvoller als ein Billigflug. Auf dem Bahnsteig begrüßt mich ein freundlicher Mitarbeiter im Kilt, prüft mein Ticket und nimmt die Frühstücksbestellung entgegen. Bald rollen wir los.
Die Korridore sind schmal, die Kojen kompakt, doch sie bieten Waschbecken, Stauraum und ein vollwertiges Bett. In meiner Kabine finde ich Zeitschrift, Wasser und hochwertige Toilettenartikel – sogar Kissenspray.
Ich buchte ein Einzelabteil, doch Doppelkabinen und günstige Schlafsitze sind verfügbar. Im Lounge-Wagen lockt ein umfangreiches Late-Night-Menü: Hauptgerichte, schottische Käseplatten, Highland Ales.
Ich wähle Haggis, Neeps und Tatties. Am Nebentisch bestellt ein distinguiert wirkender Herr Fischpastete – zuvor hatte er scherzhaft gefragt, ob er seine Prothese in der Küche spülen dürfe. Er pendelt viermal jährlich mit dem Sleeper von Henley nach Schottland: „Sehr zivilisiert.“
Tatsächlich: Hier gibt es kein hektisches Reisen. Wir gleiten gemächlich nordwärts. Geschäftsleute und Genießer füllen den Wagen, das Personal ist herzlich und geduldig. Politiker sollen hier einst Deals bei Whiskey besiegelt haben.
Um 1 Uhr genieße ich einen Whisky, während englische Städte vorbeiziehen. Dann in mein bequemes Bett.
Kurze Zeit später weckt Klopfen: Tee und Ayrshire-Bacon-Rolle. Draußen: Schottische Hügel im Morgenlicht. In Edinburgh Waverley, zentral gelegen, warte Schloss und Princes Street im Sonnenschein. Perfektes Reisen – und in Edinburgh scheint immer die Sonne, oder?