In der geheimnisvollen Kulisse von Arthur Conan Doyles „The Lost World“ erkundet die erfahrene Reisin Kiki Deere eine der ungewöhnlichsten Landschaften der Welt.
Die Zollformalitäten dauern kürzer als erwartet, als ich von Brasilien aus nach Venezuela unterwegs bin – Richtung einer der beeindruckendsten Naturwunder der Welt. Mein Sammeltaxi von Roraima ist sogar günstiger als ein Bus. In Venezuela kostet Benzin so wenig (ca. 1 US-Dollar für einen vollen Tank, günstiger als Wasser), dass brasilianische Taxifahrer eifrig die Grenze überqueren, um zu tanken. Wir rumpeln über eine löchrige Piste und erreichen bald Santa Elena de Uairén, die zerfallene Grenzstadt. Vor meinem Gästehaus bremst der Fahrer abrupt, eine Staubwolke wirbelt auf.
Mein Ziel: Der Canaima-Nationalpark mit seinen majestätischen Tafelbergen, den ältesten geologischen Formationen der Erde – über 1,6 Milliarden Jahre alt. Diese „Tepuis“ nennen die Pemón, das indigene Volk, „Haus der Götter“. Sie verehren sie als Wohnort der Gottheiten.
Vor rund 200 Millionen Jahren, zur Zeit des Superkontinents Gondwana, als Südamerika und Westafrika noch verbunden waren, bildeten die Tepui-Gipfel ein gigantisches Plateau. Beim Auseinandertreiben der Kontinente zerbrachen Störungen es in isolierte Tafelberge, die im Laufe der Zeit erodierten. Heute prägen diese Sandsteinreste den 30.000 Quadratkilometer großen Canaima-Nationalpark, UNESCO-Weltkulturerbe und Heimstätte mehr als der Hälfte aller regionalen Tepuis.
Wir durchqueren die weiten, trockenen Ebenen der Gran Sabana, wo zerklüftete Formationen aus dem Boden ragen. Wir halten für Fotos – und plötzlich thront er auf: Mount Roraima, höchster Tepui der Kette (2.810 m, 8 km Durchmesser). Isoliert mit 400 m hohen Klippen, oft nebelverhüllt, an der Grenze zu Brasilien und Guyana.
Trotz ganzjährigem Starkregen ist sein windgepeitschtes Plateau einer der feuchtesten Orte der Erde – und Hort endemischer Flora und Fauna. Dutzende Pflanzenarten haben sich an den nährstoffarmen Boden angepasst, indem sie Insekten ergänzen. Der fleischfressende Sonnentau lockt mit roten Blättern: Klebrige Tentakel fangen Beute und verdauen sie.
Das Gestein beherbergt Unique-Arten wie samen- und nektarfressende Vögel. Besonders kurios: Die winzigen schwarzen Kieselkröten (ca. 2,5 cm), älter als Dinosaurier, eng verwandt mit afrikanischen. Als Kontinente sich trennten, blieben sie isoliert und passten sich an. Sie rollen sich zu Bällen zusammen, um Felsabhänge zu entkommen – entdeckt 1895 von Forschern.
Von hier fliege ich nach Ciudad Bolívar, dann per Kleinflugzeug nach Canaima, Startpunkt zum höchsten Wasserfall der Welt. Unter mir: Mäandrierende Flüsse im Dschungel, vereinzelte Hütten. Seit Jahrhunderten locken Goldflüsse und diese mystischen „Wolkenkratzer“ Abenteurer.
Pilot Jimmie Angel entdeckte Angel Falls zufällig, gestrandet auf dem Auyán-Tepui. Anders als viele Wasserfälle speist er sich aus Regenwasser: Tepui-Tümpel speisen Ströme, die über Klippen stürzen.
Voll Ehrfurcht stehe ich am Fuß: Über 900 m hoch rast er herab, viel Wasser verdampft und kehrt als Regen zurück.
Startpunkt für Mount Roraima: Santa Elena, Venezuela, nahe Brasilien. Von Boa Vista (Roraima) am einfachsten erreichbar. Roraima Adventures bietet 5- und 6-tägige Trekkingtouren sowie Angel-Falls-Ausflüge.
Reisehinweise für Brasilien
- Essen und Trinken in Brasilien
- Anreise nach Brasilien
- Fortbewegung in Brasilien: Transporttipps
- Reisetipps Brasilien für die Planung und unterwegs
- Beste Reisezeit für Brasilien