Erinnerungen sind eine faszinierende Angelegenheit. Manche Auslöser sind vorhersehbar – jede Melodie von Talking Heads katapultiert mich zurück in mein Studentenwohnheim –, andere entführen die Realität aus heiterem Himmel.


Vor 22 Tagen betrat ich den Platz vor dem Hôtel de Ville in Poitiers, Frankreich, und fragte mich, welche Erinnerungen mich überfluten würden.
Es waren 32 Jahre vergangen, seit ich als Studentin aus Kalifornien während meines Auslandssemesters zum letzten Mal auf der Terrasse des Cafés um die Ecke ein Glas Wein genossen hatte.

Das Café existiert noch immer. Doch meine Gedanken blieben ruhig.

Ich erkannte die Silhouetten der Gebäude, aber die Kopfsteinpflasterstraßen sind heute poliert. Poitiers pulsiert 2019 lebendiger als je zuvor 1985.
Das owegt dem stetigen Zustrom von Touristen aus dem nahen Futuroscope, einem Familien-Themenpark, der erst nach meiner Abreise eröffnet wurde. (Zukunft? Frankreich hat sich tatsächlich verändert.)
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Jahrzehntelang sehnte ich mich danach, ins Loiretal zurückzukehren und zu sehen, was aus Poitiers geworden ist. Die Zeit war nie ganz richtig – es war eine Sehnsucht nach dem Ich jenes prägende Jahres.
Dieses Mädchen aus Kalifornien flog von Santa Barbara über den Atlantik, voller französischer Träume: Der Eiffelturm zum ersten Mal, sternenklare Nächte mit ausländischen Liebhabern, raffinierte Mode und Debatten in verrauchten Bars, um die Welt zu verbessern – natürlich auf fließendem Französisch. Es war die Chance, eine andere Version von mir auszuprobieren.

Ich wollte diese Fantasieversion meines jüngeren Ichs mit meinem Mann Steve teilen, der mich auf dieser Reise begleitete.
Erinnerungen sind eine faszinierende Sache. Sind Sie schon einmal durch eine Stadt spaziert, in der Sie lange gelebt haben? Vertraut – und doch fremd.
Als wir mit unserem kleinen Mietwagen zur Rue des Carmélites 37 fuhren, wo ich ein Jahr allein in einem Studioappartement wohnte, erkannte ich zuerst das alte Postamt an der Ecke.

Damals sparte ich für Anrufe nach Hause und fütterte den Zähler in der Telefonzelle gegenüber, wenn ich Heimweh hatte. Dieses leere Gefühl, wenn das Geld ausging...


Keine Handys, kein Facebook. Diese totale Immersion war für Steve (Dänemark) und mich so wertvoll, dass wir unsere Tochter 2009 für einen Sommer ohne Smartphone nach Italien schickten – zum Schock der anderen Eltern.
Handys waren damals noch nicht unverzichtbar. Wer kann heute ohne Google Maps auskommen?
In jenem Jahr fand ich keine große Liebe, und mein Studentenbudget erlaubte keine Modeträume. Am eindringlichsten blieb die Einsamkeit. Reisen in Ferien – Rom, Barcelona, Weihnachtsmesse im Vatikan – doch der Alltag allein in einem fremden Land ist hart.
Sie müssen alles selbst meistern. In Frankreich lernt man das.

Es zehrt an den Kräften, wenn man kein Einheimischer ist. Alles kostet Mühe.
Gerade wenn das Französisch Fortschritte machte, starrte mich ein Ladenbesitzer verständnislos an. Oder im Unterricht verpasste ich Sätze und hinterließ Lücken in meinen Notizen.
Französische Studenten fuhren übers Wochenende nach Hause, meine Wochenenden blieben leer. Ich isolierte mich bewusst von Amerikanern, um fließend Französisch zu lernen – es klappte, zu einem Preis.
Bei meiner 21. Geburtstagsfeier waren die Amerikaner doch unverzichtbar – für Franzosen kein Event.

Europa erlebte einen der kältesten Winter. Ich wickelte mich in meinen dünnen Flohmarktmantel oder die Heizdecke und sah Eiszapfen tropfen.
Diese Gedanken kamen, als wir vor meiner alten Tür ankamen.


Ein älterer Herr auf der Nachbarveranda musterte mich. Als ich von meiner alten Adresse erzählte, meinte er, er wohne seit 1967 dort! („Seine Frau lässt ihn draußen rauchen“, flüsterte Steve.)
Die Tür ist noch kastanienbraun, ungestrichen seit 1985. Immer noch Studentenwohnung, sagte der Nachbar.

Neuer Vermieter – der strenge Treppenwäscher ist weg. Er verstand nie ein Wort.
Wir gingen zur alten Boulangerie am Hüfuß – neuer Name, gleiche Qualität, jetzt bio.

Ernährt von Brot und Käse mit nur einer Kochplatte wusste ich genau, wann die Baguettes frisch waren – dreimal täglich duftete die Straße.
Auf dem Spaziergang suchte ich die Juristische Fakultät. Plötzlich explodierten die Erinnerungen in Technicolor!

Da war sie, mit dem Kalten-Krieg-Kurs. Gegenüber die beste Pâtisserie – Name geändert, Gebäck göttlich.

Meine Freundin Sylvie nährte sich von Gebäck und Zigaretten. (Ich vermisse dich, Sylvie!)
Die Bar mit den Polizisten, politische Debatten bei Wein – genau wie geträumt.
Aber Erinnerungen sind faszinierend!
Nur Schritte entfernt: Die prächtige Kathedrale Notre-Dame de Poitiers.



Keine Erinnerung daran.
Ein romanisches Meisterwerk seit dem 10. Jahrhundert mit atemberaubenden Fresken. Ich kenne es nur, weil ich neulich hineinging.
Wie konnte ich das vergessen? Oder nie bemerkt haben?
Mit 55 bin ich selbstbewusster als mit 21. Statt Eiszapfen zu beobachten, erkunde ich heute mutig. Poitiers hat mich gelehrt, Unbehagen zu umarmen.

Die Einsamkeit zahlte sich aus – wie ein Garten, der später blüht. Ich esse allein auswärts, reise solo, verlasse mich auf mich.
Weihnachtsheimweh war hart, doch ich blieb. Danach kamen die Highlights: Französischer Haarschnitt, Monster-Ohrringe, Wochenenden bei Freunden, Silvester in einem normannischen Schloss.

Zum Jahresende hieß mich ein Fremder für Französin – es lohnte sich.
Ich fühlte mich in Frankreich zu Hause.
