Bradford in Nordengland wurde sechs Jahre in Folge zur „Curry-Hauptstadt Großbritanniens“ gekürt. Unsere gewürzbegeisterte Redakteurin Helen Abramson, mit jahrelanger Expertise in britischer Food-Szene, hat die Stadt erkundet – und verrät, warum der Hype gerechtfertigt ist.
An einem grauen, stürmischen Samstagmorgen um 9 Uhr sitze ich am Rand von Bradfords Stadtzentrum in West Yorkshire. Vor mir dampft ein Teller Chana (Kichererbsencurry), ergänzt durch einen Berg frischer Puris (gepufftes, frittiertes Fladenbrot), hausgemachte Chutneys, Pickles und Stücke von Halwa (süßem Grießpudding).
Ich tauche ein in eine 24-stündige Curry-Reise durch Bradfords ikonische Restaurants – familiengeführt, mit bescheidenen Wurzeln, doch heute zu unterschiedlichen Highlights avanciert. Drei Mahlzeiten, drei Adressen: Bradford mag nicht touristenüberlaufen sein, doch diese Lokale ziehen Massen an. Lohnt sich der Trip in diese nördliche Stadt? Ich teste es persönlich.
Mein himmlisches kashmirisches Frühstück im The Sweet Centre, einer Bradforder Institution seit über 50 Jahren, ist ein Schnäppchen für unter fünf Pfund – inklusive Masala Chai oder Kaffee.
Der verblasste, prächtige Saal ist schlicht mit Teppichboden ausgelegt. Am Eingang locken bunte Kuchen und indische Süßigkeiten in einer makellosen Glasvitrine. Lieferanten huschen mit Fleisch-, Mehl- und Gemüsesäcken herein und hinaus.
Stammkunden ordern Take-away und plaudern mit Dr. Zulficar Ali und Sohn Wakar. Dr. Ali ruft auf Urdu Anweisungen in den Keller zum unsichtbaren Koch. Es fühlt sich an wie auf dem Subkontinent.
Als Londonerin kenne ich tolle indische Restaurants – doch das hier ist einzigartig. Im Sweet Centre startete Bradfords Curry-Boom; heute zählt die Stadt über 50 indische Lokale.
Dr. Alis Vater und Onkel wanderten 1950er aus Kaschmir ein, als Fabriken nach dem Krieg Arbeitskräfte suchten. 1960er kamen weitere aus Mirpur, vertrieben durch einen Staudamm.
Viele Kashmiri kannten kein Kochen, und es fehlten Restaurants. Die Ali-Familie sprang ein: Sie kündigten Fabrikjobs, holten Köche – und eröffneten 1960 das Sweet Centre. Einer der Köche arbeitet immer noch, 53 Jahre später.
„Diese Männer hatten keinen Ort zum Essen oder Treffen. Wir schufen Gemeinschaft – gestern wie heute“, erklärt Dr. Ali.
Ursprünglich Süßigkeiten, Snacks und Chana Puri – ein Hit. Bald kamen Currys wie Balti aus Schafshirn (mein Frühstücksmagen war noch nicht bereit).
Dr. Ali ist stolz auf das Erbe und die multikulturelle Kundschaft: Pakistaner, Inder und Einheimische seit Tag eins. „Von Briten und Asiaten gleichermaßen unterstützt.“
Ich fühle mich so wohl, dass Aufbrechen schwerfällt. Doch die Spur führt weiter: Nach dem National Science and Media Museum, Bradfords Top-Attraktion, geht’s zu Prashad – vegetarische Spezialitäten aus Gujarat und Punjab.
In Drighlington, außerhalb der Stadt, wandelte Bobby Patels Familie 1992 einen Waschsalon in ein Deli um. 2010 Zweiter bei Ramsay’s Best Restaurant – plus Kochbuch mit Kaushys Geheimrezepten.
Elegant, intim, ohne Basissauce: Jede Kreation einzigartig. Die Vorspeisen-Platte glänzt mit Kopra Pethis (Kokos-Knödel mit Knoblauch), Khuli Kachori (Linsen mit Garam Masala) und luftigem Khanda Bhajia.
Samosa Chaat: Zerbröselte Samosas mit Raita, Kichererbsen, Tamarinde und Koriander. Hauptgerichte wie Paneer Masala (Käse in Zwiebel-Tomaten-Curry) und Methi Ranghan (Bockshornklee-Aubergine) balancieren Aromen meisterhaft.
Nachtisch: Hausgemachtes Eis in Dattel-Ingwer oder Schoko-Orange, mit Waffel und Schokoladensauce – eine gelungene Fusion.
Abendessen bei Aagrah, kashmirische Kette seit 1977 mit Yorkshire-Filialen. Die Pudsey-Location: Gigantisch, modern, voll mit diversem Publikum.
Neon-Cocktails in der Bar, „Happy Birthday“ fünfmal – mit riesigen Kuchen und Raketenkerzen. Vom urigen Sweet Centre und edlen Prashad zu diesem Imperium.
Gegrillter Raavi (Wolfsbarsch) mit Muskat und Kashmiri-Sauce. Gemischter Grill, Goa Machli (Seeteufel mit Minze, Curryblättern und Kokos) als Highlight.
Am nächsten Tag noch satt – doch ich will mehr. Bradford verdient den Titel: Ich kehre zurück.
Helen übernachtete im Midland Hotel in Bradfords Zentrum. Mehr zu diesen und Dutzenden Lokalen: Welcome to Yorkshire Spice Trail Map hier.
Kopfzeilenbild: © Rodney Hutchinson/Shutterstock. Körperbilder (oben nach unten, links-rechts): Sweet Center; Sweet Center; Tupungato/Shutterstock; Prashad; Prashad; Prashad; Aagrah; Aagrah; Aagrah.