Amerika bleibt für viele internationale Reisende ein Tabuthema, doch zum Halloween erinnert sich Reiseleiterin Siobhan Warwicker an ihre unvergesslichen Begegnungen mit der ausgelassenen mexikanischen Kultur in San Diego.
Tag der Toten in San Diego
In der strahlenden Mittagssonne des Gaslamp Quarters, inmitten viktorianischer Backsteinreihen, erwacht die mexikanische Ikone Frida Kahlo zu neuem Leben – und das in Mehrzahl. Ihre markanten einfarbenen Brauen thronen unter blumengeschmückten Zöpfen, Stiefel klackern, Röcke rascheln. Hinter mir plaudert eine Frida mit einem Vincent van Gogh, dessen blutiger Verband das fehlende Ohr bedeckt.
Dieses interkulturelle Spektakel ist typisch für San Diegos Halloween. Kaliforniens Erbe reicht bis zu europäischen Siedlern zurück, doch die südlichste Stadt des Golden State gehörte einst zu Mexiko. Nach dem mexikanisch-amerikanischen Krieg der 1840er Jahre und dem Landkauf von 1854 fielen diese Gebiete an die USA.
Pendler und Tagesausflügler queren täglich die Grenze. Die hispanische Kultur pulsiert lebendig im Süden der USA, während amerikanische Einflüsse in mexikanische Grenzstädte sickern – eine enge Verflechtung wie Kahlos blumige Zöpfe.
Während kalifornische Partygänger in knappen Outfits vor dem Ballsaal meines Hotels The Guild anstehen, bereiten sich andere auf Dia de los Muertos vor – den Tag der Toten.
In den Tagen vor dem 2. November überziehen orangefarbene Ringelblumenblüten Schreine für Verstorbene in San Diegos mexikanischen Vierteln. Es geht um mehr als Erinnerung: Für Mexikaner locken diese die Seelen ihrer Liebsten zurück ins Reich der Lebenden.
Der Chicano Park im Barrio Logan-Viertel, das in diesem Jahr sein 50-jähriges Jubiläum feiert, ist der ideale Ort für diese beeindruckenden Installationen. Gerahmte Fotos der Verstorbenen lächeln über Kerzen, Räucherstäbchen und Blumenmeere, ergänzt um Lieblingsgegenstände wie Dosen Red Stripe Bier oder Bananenbüschel.
Die Szenerie ist so lebendig und ergreifend, dass man die laute Überführung über dem Kopf vergisst. Ihr Bau 1969 zerstörte Häuser und warf Schatten auf die Gemeinde – ein Symbol der Unterdrückung. Die Bewohner protestierten mit Kunst: Heute zieren Chicano-Murales jede Betonfläche auf dem 8 Hektar großen Gelände, der größten Sammlung solcher Werke in den USA.
Wie sein Nachbar Los Angeles ist San Diego sonnenverwöhnt mit goldenen Stränden und Surfern. Doch Jugend, Vielfalt und künstlerisches Erbe machen es zur aufstrebendsten Stadt Amerikas – kompakt und fußläufig erkundbar. Highlights: Barrio Logan, La Jolla, Little Italy, Balboa Park mit seinen Museen und Galerien sowie North Park mit starker mexikanischer Präsenz.
In North Park verschmilzt Gentrifizierung mit Tradition: Bunte Läden umringen Burrito-Stände. Hipster verkleiden Hunde für Halloween – ein Chihuahua wirkt im Piratenhut leicht verlegen.
So nah an Mexiko überschreite ich die Grenze. 20 Meilen außerhalb der Stadt treffe ich Derek, den Turista Libre, in weißem Charro-Kostüm. Dieser Amerikaner führt Touren, die Tijuana authentisch näherbringen.
Von Tijuanas 1,5 Millionen Einwohnern kommt mehr als die Hälfte von anderswo. „Mexikaner werden geboren, wo wir wollen!“, sagt Derek. „Jeder mit offenem Herzen ist willkommen.“ Sein Co-Moderator Alejandro ergänzt: „Wir sind hier alle bunt gemischt.“
Auf einem Graffiti-Bus rollen wir in die Parallelwelt, Totenkopfwimpel wehen. Amerika ist greifbar nah, doch Mexiko fühlt sich heißer, staubiger an: Baustellen, Kakteen, Craft-Bier-Terrassen wie die Mamut-Brauerei mit Loteria-Spielen. Stapel Ringelblumen erinnern an die Saison.
Am Tag der Toten putzen Familien Gräber und feiern dort – Ursprung der Straßenschreine in San Diego. Die finale Todesphase ist Vergessen; daher blühen Blumen auch auf verlassenen Gräbern.
Trotz Morbidität wirkt es surreal-lebendig. Auf dem White Door Cemetery singt eine Witwe Sopran mit skelettiertem Gitarristen, tanzt Flamenco und ruft: „Sterben ist nur Teil der Reise – nichts Trauriges daran!“
Zum Abschluss: Festival im Old Town State Historic Park. Gotische Gestalten, Zuckerschädel-Bemalungen und die Parade, inspiriert von James Bonds Spectre, ziehen vorbei. Am El Campo Santo Cemetery pulsiert Leben: Kinder mit Churros, Taco-Stände mit Mezcal.
Wie die singende Witwe sagte: Mexikaner fürchten den Tod nicht – sie feiern ihn. Ob auf mexikanischen Friedhöfen oder unter San-Diego-Überführungen: Jährlich versammeln sie sich zu Musik und Mezcal.
Die Einzelheiten
Diese Reise wurde von den unten empfohlenen Partnern gesponsert.
British Airways fliegt direkt von London nach San Diego ab £733 Hin- und Rückflug, ba.com/sandiego. King-Zimmer im The Guild Hotel kosten ab £189, theguildhotel.com. Touren nach Mexiko unter turistalibre.com. Weitere Informationen zu San Diego finden Sie unter sandiego.org.
Bild oben: Mexikanische Calavera in der Altstadt von San Diego © Alexandre Mottet/Shutterstock